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Dyslexie - Erste Hilfe für Deutschlernende

foto: pixabay

Möglicherweise gehörst du zu einer Gruppe von wenigen Studentinnen und Studenten, die in ihrer Muttersprache eine Lese-/Rechtschreibschwäche oder Dyslexie haben. Zuerst einmal können wir dich beruhigen: Nur weil du in deiner eigenen Sprache Probleme mit dem Lesen und Schreiben hast, bedeutet das noch lange nicht, dass das auf die gelernte Fremdsprache auch zutreffen muss. Vielleicht hast du also überhaupt keine Probleme beim Deutsch lernen und alles läuft gut. Wenn nicht, dann lies’ dir diese Tipps durch und sprich danach mit deiner Lehrerin/deinem Lehrer über deine Möglichkeiten.

 

1. Was tun?

 

Kannst du dir die richtige Schreibung der Vokabeln schlecht merken?

Machst du beim Schreiben von Texten oft viele verschiedene Fehler?

Liest du beim Vorlesen von Texten oft falsche Wörter oder erkennst du manchmal die Wörter nicht gleich?

Hast du Probleme bei Hörübungen oder Diktaten die richtigen Wörter zu verstehen?

Wenn du eine oder mehrere dieser Fragen mit „ja“ beantworten kannst, hast du die Lese-/Rechtschreibschwäche oder Dyslexie wahrscheinlich auch in Deutsch. Sprich so schnell wie möglich mit deiner Lehrerin oder deinem Lehrer darüber. Wenn sie informiert sind, können sie besser auf deine Bedürfnisse eingehen.

 

2. Woher bekomme ich eine Diagnose?

 

Vielleicht hast du aus deinem Heimatland eine Diagnose oder einen Befund über deine Lese-/Rechtschreibschwäche. Am besten du lässt sie übersetzen, damit du sie auch an einer Universität im Ausland verwenden kannst. Achtung! Die Diagnose sollte nicht älter als fünf Jahre sein, denn die Lese-/Rechtschreibschwäche kann sich im Lauf der Jahre verändern oder verschwinden. An der Sigmund Freud-Privatuniversität in Wien kannst du dich an die Psychologische Universitätsambulanz wenden. Dort wird eine psychologische Diagnostik durchgeführt und getestet, ob du Lese-/Rechtschreibschwäche hast oder es sich nur um ein temporäres Problem handelt.

Am besten wäre es aber,  wenn du eine Psychologin oder einen Psychologen in Wien finden könntest, die oder der deine Sprache spricht. Ihr könnt dann gemeinsam herausfinden, ob du die Lese-/Rechtschreibschwäche auch in deiner Muttersprache hast und wie sie sich auf dein Fremdsprachen-Lernen auswirkt.

Vielleicht möchtest du auch mit einer unserer Lehrerinnen Mag. Verena Schaffranek sprechen. Sie ist zwar keine Psychologin, aber Legasthenietherapeutin und sie kann einen Bericht über deine Lese-/Rechtschreibschwäche schreiben. Diesen Bericht kannst du auch als Vorlage bei deiner Universität verwenden.

 

3. Was kann die Universität Wien für mich machen?

 

Wenn du eine Diagnose von zu Hause oder aus Wien hast, dann kannst du dich an das Team „Barrierefrei Studieren“ an der Universität Wien wenden. Das Team hilft Studierenden mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen (Lese-/Rechtschreibschwäche fällt darunter). Sie können dir genau sagen, welche Möglichkeiten du hast. Vielleicht kannst du 50 % mehr Testzeit bekommen oder sogar die Möglichkeit zu einer mündlichen Prüfung. Alles passiert natürlich immer in persönlicher Rücksprache mit der jeweiligen Professorin/ dem jeweiligen Professor.

Alle Informationen zu „barrierefrei studieren“ erhältst du unter der Telefonnummer +43 – 1 – 4277-106 26. Und auf der Webpage unter:

barrierefrei.univie.ac.at/services/beratung-barrierefrei

Nach Terminvereinbarungen sind auch persönliche Beratungsgespräche möglich.

 

4. Wie kann ich mir selbst helfen?

 

Um das Lernen einfacher zu machen, kannst du auch einige Dinge selbst machen. Vielleicht hast du sie schon beim Lernen deiner Muttersprache angewandt. Ungefähr das Gleiche machst du jetzt auch in der Fremdsprache.

Gehen wir noch einmal zurück zu den Fragen von Punkt 1:

Kannst du dir die richtige Schreibung der Vokabeln schlecht merken?

Schreiben, schreiben, schreiben lautet hier die Devise. Schreib die Wörter, deren Schreibung du dir schlecht merken kannst, so oft wie möglich auf. Lustiger wird diese langweilige Aufgabe, indem du verschiedene Schreibwerkzeuge und Farben (Filzstift, Bleistift, Kugelschreiber...) dafür verwendest.

Gibt es spezielle Wörter, bei denen du immer wieder Fehler machst, schreib sie in Word auf, wähle eine große Schriftgröße und druck sie aus. Häng dir die Wörter bei deinem Arbeitsplatz auf oder auf einen Kasten, den du oft benutzt. Schau so oft es geht auf die Wörter und präge dir die Schreibung ein.

Bilde Sätze mit den Wörtern und in weiterer Folge Geschichten, sodass du sie im Kontext lernen kannst.

Wenn du dein Geld sinnvoll investieren möchtest, kannst du die Wörter auch mit einer Legasthenietherapeutin oder einem Therapeuten durchgehen. Sie/er findet eventuell eine Systematik hinter deiner Rechtschreibschwäche und kann dir erklären, warum man dieses oder jenes Wort so schreibt. Du lernst also Regeln, die du auch auf andere Wörter anwenden kannst. Dadurch wird sich die Schreibung von neu gelernten Wörtern nach und nach verbessern.

Machst du beim Schreiben von Texten oft viele verschiedene Fehler?

Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle lautet hier die Devise. Kontrolliere deine Texte immer gut durch, bevor du sie deiner Lehrerin oder deinem Lehrer gibst. Die Wörter, die du auf viele verschiedene Weisen geschrieben hast, weil du unsicher warst, wie man sie richtig schreibt, musst du unbedingt im Wörterbuch nachschlagen. Auch wenn du nicht ganz sicher bist, schlag vorsichtshalber im Wörterbuch nach. Kannst du die Fehler selbst nicht erkennen, bitte eine Freundin oder einen Freund, die Fehler zu unterstreichen. Du suchst dann selbst die richtige Korrektur mit dem Wörterbuch oder deinem Kursbuch. Zum Schluss, nach der Korrektur durch deine Lehrerin oder deinen Lehrer, schreibst du den Text noch einmal ganz korrekt ab. Das kannst du auch mit dem Computer machen. Hauptsache du siehst noch einmal ganz genau, auf welche Wörter du in Zukunft besonders achten musst.

Sicher, bei der Hausübung hast du immer genug Zeit so eine lange Korrektur-Phase einzuplanen. Beim Test geht es aber immer auch um Zeit. Vielleicht kannst du mit deiner Lehrerin oder deinem Lehrer vereinbaren, dass du für die Korrektur noch einmal extra 20 Minuten einplanen kannst. Lies deinen Text auch von hinten (also vom letzten Wort) nach vorne (zum ersten Wort) durch, damit du wirklich jedes Wort einzeln anschauen kannst.

Liest du beim Vorlesen von Texten oft falsche Wörter oder erkennst du manchmal die Wörter nicht gleich?

Bitte deine Lehrerin oder deinen Lehrer darum, in der Klasse nur dann laut vorlesen zu müssen, wenn du den Text vorher einmal ganz durchgelesen hast. Markiere dir „Stolpersteine“: Vielleicht hast du Probleme mit dem langen „ie“ und liest immer „ei“ oder mit dem „pf“? Wenn du diese Hürden vorher markierst, fällt es dir dann leichter zu lesen. Hilfreich ist es auch, den Text vorher anzuhören. Beim Lehrbuch „Motive“ ist das zum Beispiel bei fast allen Lesetexten möglich. Du kannst gleichzeitig lesen und hören und gewinnst so einen Einblick in die Korrespondenz von Schreibung und Aussprache.

Lies soviel du kannst! Zuerst einfache Texte in großer Schriftgröße (Bildwörterbücher, Kinderbücher, Bücher aus der Reihe „easy readers“ für Deutschlernende, ...), dann probier auch schwierigere Texte aus. Vielleicht findest du Muttersprachler (Tandem Partner), mit denen du kurz darüber sprechen kannst, ob du die Texte richtig verstanden hast.

Hast du Probleme bei Hörübungen oder Diktaten, die richtigen Wörter zu verstehen?

Wenn du nicht gerne liest, ist es sehr ratsam, viele Hörbücher oder Radiosendungen anzuhören. Heutzutage gibt es bereits viele Webpages, die gratis Hörmaterial anbieten und Podcasts von Radiosendern kannst du bequem für dein Mobiltelefon downloaden.

Wenn du dann später an einer Uni studierst, gibt es viele Vorlesungen, die gestreamt werden und die du sooft du möchtest anhören kannst.

Auch deine Lehrbücher bieten eine Fülle von Höraufgaben, die du zu Hause in aller Ruhe noch einmal machen kannst. Nutze auch die Aussprachetrainings, da sie auch die korrekte Schreibung von Wörtern und das bessere Hören von Wörtern positiv unterstützen.

Du siehst also, es ist gar nicht so schwierig mit einer Lese-/Rechtschreibschwäche Deutsch zu lernen. Sicher, du brauchst vielleicht etwas mehr Zeit als deine Kolleginnen und Kollegen. Dafür lernst du eben alles ganz genau und merkst es dir deshalb umso besser und länger. Das kann später für dein Studium an einer österreichischen Universität nur von Vorteil sein. Gib nicht auf und lass nichts unversucht, dein Ziel zu erreichen!

 

Mag.a Verena Schaffranek, Deutschlehrerin am Sprachenzentrum