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Launen der Luft

Im letzten Teil der Blogserie "Von Pferden, die auf Zehenspitzen zu Apfelbäumen tänzeln" erzählt uns Eva Mühlbacher etwas über die Launen der Luft in der deutschen Sprache.

Podcast

verfasst und vorgelesen von:

Eva Mühlbacher

Diesmal dreht sich alles um das flüchtigste der Elemente: Luft. Im Deutschen hat das Nomen „Luft“ einen weiblichen Artikel: die Luft. Es gibt auch ein Verb zu ihr, dann brauche ich einen Umlaut: lüften. Und es gibt auch ein Adjektiv: luftig. Luft ist also nicht nur in unserem Alltag überall, sondern auch in der Sprache.

Bevor ich mich einer großen Aufgabe widme; etwa, wenn eine Prüfung bevorsteht, hole ich erstmal tief Luft. Wenn ich sage: „ich hole tief Luft“, dann weiß die Person, derer gegenüber ich diesen Satz ausspreche, dass ich mich vor der Aufgabe ein kleines bisschen fürchte. Wenn ich „die Luft anhalte“, dann warte ich gespannt auf etwas. Zum Beispiel kann mir das im Kino passieren, wenn ich zusehe, wie eine Person durch dunkle Gänge streift. Entdeckt sie dann am Ende des Ganges eine Leiche, dann „schnappe ich nach Luft“. Das bedeutet, dass ich einmal plötzlich einatme. Bevor ich dann in Ohnmacht falle, kann mir jemand „Luft zufächern“. Das Verb leitet sich vom Nomen „Fächer“ ab, das Accessoire der feinen Damen vieler Jahrhunderte.

Bevor ich zu einer Prüfung antreten kann, muss ich dafür lernen. Wenn ich Angst habe, es nicht rechtzeitig zu schaffen, kann ich sagen: „Mir geht die Luft aus“ oder mit einem Synonym für „Luft“: „Mir geht die Puste aus.“ Dasselbe kann ich sagen, wenn ich laufen gehe und nicht mehr weiterkann.

„Ich bin an der frischen Luft“ oder „ich gehe an die frische Luft“ bedeutet, dass ich spazieren gehe. Dann liegt manchmal der Frühling in der Luft – ich kann die frischen Blumen schon riechen. Wenn „etwas in der Luft liegt“, kann das aber auch negativ gemeint sein. Zum Beispiel kann ich die Formulierung verwenden und meinen, dass zwischen Menschen eine schlechte Stimmung herrscht. Dann kommt es meist dazu, dass jemand „seinem oder ihrem Ärger Luft macht“. Das bedeutet: einer fängt immer an zu schreien.

Gebrauche ich das Verb „lüften“, so ist gemeint, dass ich das Fenster öffne, damit Luft in den Raum kann. Synonym kann ich auch „auslüften“ gebrauchen. „Lüften“ kann aber auch „hochheben“ bedeuten. Am gebräuchlichsten ist die Formulierung „seinen Rock lüften“, was meint, dass man den Rock ein Stück hebt, zum Beispiel, um sich ins Meer zu stellen. In dieser Verwendung kann ich auch sagen, dass ich „ein Geheimnis lüfte“. Das bedeutet, dass ich das Geheimnis allen erzähle.

Das Adjektiv dazu ist „luftig“. Trage ich ein „luftiges Kleid“, dann liegt es nicht eng am Körper an, sondern bietet zwischen Haut und Stoff noch Platz für Luft. Auch ein Kuchen kann „luftig“ sein, wenn er weich und flaumig ist, also das Gegenteil von einem Brownie.

Eng verbunden mit der Luft ist der Wind. Einen „windigen“ Kuchen gibt es allerdings nicht. An der Küste aber kann es sehr windig sein. Dazu kann ich auch sagen: „es geht ein starker Wind.“ Wenn ich sagen möchte, dass ich bei Sturm draußen war, kann ich die Formulierung „bei Wind und Wetter“ nehmen.

Das Nomen „Wind“ hat auch eine Entsprechung im übertragenen Sinn. Wenn ich „von etwas Wind bekomme“, dann erfahre ich von etwas, das mir jemand verheimlichen will. Möglicherweise ist es ein Mensch, der „mit dem Wind dreht.“ Er wechselt also genauso häufig seine Meinungen und Einstellungen wie der Wind seine Richtung. Aus diesem Feld kommt auch die Bedeutung des Adjektivs „windig“ für einen undurchsichtigen Geschäftspartner. Wenn ich von einem „windigen Typen“ spreche, heißt das: er ist unseriös.

Die Luft aber hat noch eine dritte Aufgabe: sie gibt uns Sauerstoff, den wir atmen. „Der Atem“ ist das Nomen; „atmen“ das Verb (Achtung auf das „m“!) und für das Adjektiv gibt es mehrere Möglichkeiten.

„Tief Atem holen“ hat die gleiche Bedeutung wie „Luft holen“. „Atem“ hat auch Synonyme, zum Beispiel in einem James Bond- Titel zu finden: „Der Hauch des Todes“. Der „Puste“ sind wir schon begegnet, als es ums Laufen ging. Ein altmodisches Wort ist „Odem“, das heute nicht mehr gebraucht wird.

Die „Atmung“ bezeichnet den technischen Vorgang. Der „Atemzug“ hingegen beinhaltet schon ein dramatisches Moment: „mit dem letzten Atemzug“ oder „im nächsten Atemzug“ bezeichnet meist eine Situation, in der sich in einer Sekunde alles ändert. „Mit dem letzten Atemzug“ bedeutet, dass jemand stirbt; „Im nächsten Atemzug war der Zug vorbeigefahren“ gibt an, dass die Situation ganz schnell wieder vorbei war.

Das Verb „atmen“ kann man mit Präfixen verwenden: „einatmen“ (Luft einsaugen) und „ausatmen“ (Luft ausblasen). Dazwischen kann man natürlich die „Luft anhalten“ wie wir schon gesehen haben. Yogis sind der festen Überzeugung, dass man Schmerz auch „wegatmen“ kann, aber mit diesem Präfix gibt es keine andere Verwendung.

Schließlich gibt es noch die Adjektive. Ich kann das Partizip I verwenden: „atmend“ und auch das wird meist gebraucht, um Spannung zu erzeugen: „Schwer atmend trug er die Leiche zum Wasser.“ Wenn mir die „Puste ausgeht“, bin ich „atemlos“.

Das ist auch der Titel eines äußerst erfolgreichen Sommerhits der Sängerin Helene Fischer: „Atemlos durch die Nacht“. Da geht aber niemandem die Puste aus, weil sie Leichen herumträgt, sondern weil der Liebhaber sie nachts so beschäftigt hält.

Frühlingsluft und Sommerwind - die Zeit, in der wir atemlos nächtelang mit jedem Atemzug das Leben feiern.


Eva Mühlbacher

Geschichte-Doktorandin und Jungautorin

Eva hat am Sprachenzentrum Italienisch gelernt und während eines Italienaufenthaltes angefangen, ein Buch zu schreiben. Ihre große Leidenschaft gilt - neben dem Schreiben - dem Mixen von Bahama Mama-Cocktails.


Im Herbst 2020 hat Eva ihr neues Buch "Zeitreisende", einen Literaturführer für Junge und Junggebliebene, im Dachbuch-Verlag veröffentlicht. 
Wir gratulieren herzlich und wünschen weiterhin viel Freude und Erfolg beim Schreiben!

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Kleines Lexikon

die Luft

Pl.: „die Lüfte“ gibt es schon, aber das ist eine poetische Formulierung: „sich in die Lüfte erheben“ für einen Vogel, der fliegt.

 

der Atem

kein Plural!

 

der Wind

Pl.: die Winde; wird im Plural auch selten gebraucht; eher poetische Sprache: „die Sommerwinde“

 

Luft schnappen

schnappte, geschnappt

Vor Schreck hat sie nach Luft geschnappt.

die Luft anhalten

hielt an, angehalten (Achtung! Wird in dieser Formulierung im Gegensatz zu „Luft schnappen“ mit dem Artikel gebraucht!)

Vor Spannung habe ich die Luft angehalten.

lüften

lüftete, gelüftet

(lüftete aus, ausgelüftet)

Morgens lüftest du immer dein Zimmer.

einatmen, ausatmen

atmete ein/aus, eingeatmet, ausgeatmet

Bevor ich den Raum betrat, atmete ich tief aus.