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Unterricht in Nizza

Wir gehen zum Anfang des Sprachenlernens zurück – zu einer Klassenreise. Es war eine dieser Situationen, in denen man unbedingt beweisen wollte, wie erwachsen man war. Hat toll funktioniert, ehrlich

 

Im 2. Teil der Blogserie "Schatzkästlein der reisenden Germanistin" berichtet Eva Mühlbacher über ihre Erlebnisse als Jugendliche in Nizza.

Text als Podcast

verfasst und vorgelesen von:

Eva Mühlbacher


In einem Anfall von jugendlichem Übermut habe ich meine Mutter, die mir netterweise beim Packen helfen wollte, aus meinem Zimmer ausgesperrt und verkündet, dass ich das auf jeden Fall alleine hinkriegen würde. Dummerweise hatte ich einen wichtigen Faktor nicht in meine Überlegungen einbezogen: das Wetter. Dass das Wetter im Oktober in Südfrankreich ein anderes war als in Wien, war eine Tatsache, die ich bitter lernen musste. Schon als mir in meinem Rollkragenpullover die zuvorkommende Luft des milden Südens beim Aussteigen aus dem Flugzeug entgegenwehte, bereute ich alles. Natürlich war es auch das erste, worauf mich meine üppigst geschminkte Gastmutter aufmerksam machte, als sie meine beste Freundin und mich hinten in ihr Auto eingeladen hatte. Ich seufzte. Wie ich Französisch hasste.

Ich hasste alles an dieser Sprache, weil sie mir gestelzt und künstlich vorkam, viel zu komplex und vorgetragen von zwei Professoren, die meine Klasse hintereinander übernahmen und sich, der eine wie der andere, schon dermaßen auf Pension und/oder Enkelkinder mit ausgiebigen Nickerchen in/neben der Hängematte freuten, dass sie französische Grammatik, die sie seit gefühlten 60 Jahren unterrichteten, nicht mehr zu interessieren schien. Das erste Kapitel im Schulbuch dieses Jahres trug den ansprechenden Titel „Vite, vite, une photo!“ und ich muss gestehen, dass es bis heute der einzige Satz geblieben ist, den ich auf Französisch fehlerfrei aussprechen kann. Ich blickte auf die Fotos, die im Schulbuch abgedruckt waren und fragte mich, ob alle Franzosen schöne Zähne hatten.

Der Wagen, in dem meine beste Freundin und ich nun saßen, schaukelte gemächlich zwischen Palmen hindurch die Straßen von Nizza entlang. Es war ein traumhaft schöner Ort, besonders hätte man ein Sommerkleid dabeigehabt, stellte ich mürrisch fest. Es kam aber noch schlimmer. Unsere Gastmutter schien sich in den Kopf gesetzt zu haben, mir einige Sätze Französisch einbläuen zu müssen. Ich antwortete kurz, knapp und meist mit einem Nicken. Das schien sie auf der Autofahrt zu beruhigen. Später beim Abendessen nicht.

Während ihr Papagei nach Leibeskräften krähte, lud sie uns Wagenladungen Croque Monsieur auf die Teller. Sie trug Tonnen von Makeup im Gesicht und hatte die Haare in irritierendem Schwarz gefärbt. Ihre rot geschminkten Lippen verzogen sich übermenschlich, wenn sie versuchte, so deutlich zu sprechen, dass auch ich es kapierte. Der Gipfel allerdings kam noch, als sie sich in der Früh an mein Bett setzte, um mich zu wecken. Sofort plapperte sie los, vielleicht, weil sie der Überzeugung war, eine Schocktherapie könnte mich aus meiner Lethargie erlösen. Was sie jedoch nicht wusste: vor meinem ersten Kaffee -  und daran hat sich bis heute nichts geändert -  kann ich nicht einmal einen geraden Satz auf Deutsch artikulieren. Mit wirren Haaren blickte ich sie aus verschlafenen Augen an und versuchte, die Decke wieder an mich zu ziehen. Ein kurzer Kampf entstand, den ich für mich entschied. Beim Frühstück redete sie immer noch. Meine beste Freundin versuchte nach Leibeskräften, das Gespräch auf sich zu lenken, um mir einige Minuten Ruhe zu gönnen, aber es half alles nichts. Ich saß da, starrte in meinen verwässerten Kaffee und wurde mit französischen Parolen bombardiert. Hilflos starrte ich auf ihre arthritischen Finger, die mein Mittagssandwich soeben aufeinander pappten, wodurch die flüssige Foundation ihres Makeups, die sie noch auf den Fingerspitzen trug, in das weiche französische Brot einsickerte. Ich schluckte. Zu diesem Zeitpunkt überlegte ich eigentlich nur, den Papagei zu kidnappen, um Lösegeld zu erpressen (was ich auf Französisch ohnehin nicht gekonnt hätte) und von diesem ein Flugticket nach Hause zu buchen.

Auf dem Weg in die Schule warf ich mein Sandwich weg und ging mit leerem Magen in den Unterricht. Der Vormittag war für Unterricht in französischer Sprache reserviert. Die Klasse musste sich in zwei Gruppen teilen und ich trottete meiner besten Freundin hinterher. Erst nachdem ich das linke Klassenzimmer betreten hatte, kam jemand auf die geniale Idee, die Gruppen nach Können aufzuteilen. Bevor ich die Flucht ins andere Zimmer antreten konnte, wurde vor meiner Nase die Türe zugeknallt und ich saß mit den Genies fest. Ein Lehrer, der mindestens doppelt so viele Zähne im Mund hatte als alle anderen Menschen, grinste mich mit einem „Bon, alors“ an. Ich setzte mich.

Er erklärte das erste Spiel, ein altbekanntes. Es ging um die Frage, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Man sollte den Satz auf Französisch sagen, an die Tafel vorkommen und das Wort an die Tafel schreiben. Dummerweise saß ich ganz hinten. Fieberhaft ging ich einige Französischvokabel durch, aber mit jedem Mal, bei dem ein anderer Kollege aufstand, schwand meine Hoffnung. Der Lehrer grinste breit und beschränkte sich darauf „Bon!“ zu rufen. Und alles war weg. Wasser, Messer, Knäckebrot, Gummiboot, einfach alles. Ich schluckte, als die Kreide in meine Hände wanderte. Ach du Schande. Langsam erhob ich mich und erwiderte charmant das Lächeln des Lehrers. „Et toi?“, fragte er und hörte nicht auf zu lächeln. Fieberhaft suchte ich nach einem Wort, das ich aufschreiben konnte, sah mich im Raum um, dachte an mein nicht gegessenes Frühstück und plötzlich fiel mir nur ein einziges Wort ein: „le frigo“. In seinen Augen spiegelte sich eine Emotion, die sich zwischen der Frage bewegte, ob er nicht lieber etwas anderes hätte werden sollen als Lehrer und der Überzeugung, dass Albert Einstein richtig lag und das einzige, das wirklich unendlich war, die menschliche Dummheit war. Sein Mund aber lächelte unbeirrt weiter und stieß das obligatorische „bon!“ aus. Ich starrte ihn an, weil ich mich abermals fragte, ob alle Franzosen schöne Zähne hatten. So verharrten wir für einige Augenblicke in dieser Pattstellung. Beide standen wir mit offenem Mund da. Er lächelnd, ich sinnierend. Mein Magen knurrte und beendete den Wettlauf der Erstarrung. Ich schrieb das Wort an die Tafel und setzte mich.

Le frigo. Das Wort hat für mich noch heute einen unwiderstehlichen Klang, obwohl es eine so simple Bedeutung hat. Ich spreche es sehr gerne aus. Einfach so. Vielleicht ist es so, dass eine Sprache manchmal einfach so sein musste. Zwar kann ich keine Sätze auf Französisch sagen, aber es gibt Worte, die ich einfach genießen kann wie französischen Rotwein, weil sie ebenso herrlich auf der Zunge zergehen. Le croissant, zum Beispiel. Hätte ich mich der Sprache nähern können, indem ich mehr großartig sanft-zerfließende Worte auszusprechen gelernt hätte, wäre vielleicht einiges anders gekommen. Aber auch das hat zu meinem Unterricht in Nizza dazugehört: Freue dich, ganz heimlich, wenn du zu Hause bei einer Tasse mit warmem Kakao sitzt und le chocolat murmelst. Es wird dir Freude machen; auch, wenn du es niemandem erzählst. Einfach so.

Eine andere Art von Unterricht, über das Leben nämlich, erhielt ich über die Frau, die so ununterbrochen Französisch sprach: meine Gastmutter. Sie kam immer später heim als wir, weil sie mit einem Mann, den sie kennengelernt hatte, tanzen ging. Alle ihre Tanzkleider, üppig bestickt mit tausenden funkelnden Pailletten in allen Farben des Regenbogens, hingen an einer Stange hinter einem rosa Vorhang auf der Toilette. Ich betrachtete sie manchmal. Heute weiß ich, dass es ihre Flucht in eine andere Welt war.

Meine Gastmutter (das hat mir meine Freundin später erzählt) hatte vor vielen Jahren jung geheiratet; einen Mann, den sie sehr geliebt hatte. Die beiden erwarteten ein Kind, aber dann war sie bei einem Autounfall so schwer verletzt worden, dass sie das Kind verlor. Ihr Mann trennte sich daraufhin von ihr. Sein Bild stand noch im Wohnzimmer, zwischen den immergrünen Palmen und dem nervigen Papagei, neben ihren Puderdöschen und ihren seidenen Schals.

Manchmal, wenn ich schreibe, denke ich an sie. Ich wünschte, ich hätte ihr damals genauer zugehört, sie vielleicht sogar etwas fragen können. Aber vielleicht wurde sie genau wegen dieser geschwätzigen Sprachlosigkeit, die zwischen uns herrschte, zu einer Figur, die in meiner Fantasie weiterbesteht. Nur ihren Namen weiß ich nicht mehr.


Eva Mühlbacher

Geschichte-Doktorandin und Jungautorin

Eva hat am Sprachenzentrum Italienisch gelernt und während eines Italienaufenthaltes angefangen, ein Buch zu schreiben. Ihre große Leidenschaft gilt - neben dem Schreiben - dem Mixen von Bahama Mama-Cocktails.

 

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