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Zeit für Hygge

Der Winter hat uns im Griff, wir sind mitten in der Prüfungszeit und das Wetter lässt uns mit gutem Gewissen zu Hause bleiben.

Kaja Boye Buxrud, Norwegisch-Lehrerin am Sprachenzentrum

Hygge ist sehr wichtig für uns Norweger, es fängt schon in der Pulka an (siehe Foto).

Seit 2016 gibt es auch im Ausland einen ziemlich großen Hype darüber. Kashmirdecken, Duftkerzen und Bücher wie „How to Hygge“. Aber was ist eigentlich Hygge?

Ein Zustand von Gemütlichkeit und Ruhe in einer alltäglichen Umgebung? Die Fähigkeit, Probleme und Stress hinter sich zu legen? Ja, all das kann man sagen. 

Laut Meik Wiking, der Autor von „The Little Book of Hygge“, ist es ein Gefühl, das man nicht übersetzen kann. Er meint es ist ein Schlüssel zu einem Lebensstil, der die Dänen zu den glücklichsten Menschen der Welt macht. Wenn man versucht es zu übersetzen, wäre es wahrscheinlich „Gemütlichkeit“ auf Deutsch und „Coziness“ auf Englisch. Auf Norwegisch sagen wir auch „kos“ im Zusatz zu Hygge, wobei die zwei Wörter bedeutungsgleich sind. Das Wort kommt aus dem Altnordisch - „Hyggja“ bedeutet „Gedanke“ oder „Sinn“. Das englische „Hug“ kommt vom selben Wort.

Wenn ich Anfang Dezember in meinem Zimmer in Wien-Leopoldstadt sitze, fühle ich mich weit weg von Norwegen. Ich stelle mir meine Heimat vor, wenn ich mich in meine Decke kuschle. Der Kamin brennt, es wird schon nachmittags dunkel, abends gemütlich Tee trinken, lesen oder Skam schauen. Eine Serie auf norwegisch, die sogar in den vereinigten Staaten große Beliebtheit gewonnen hat. Und weil sie auf norwegisch ist, muss ich mich nicht anstrengen, ich kann mich in mein Bett kuscheln und den norwegischen Dialogen lauschen. Und obwohl ich in meinem Zimmer im Zweiten Bezirk keinen Kamin habe, und meine Mutter weit weg ist, setze ich mich jeden Abend in meinen Lieblingssessel mit einem Tee und einem Buch.

Für mich ist es sehr wichtig, Hygge einen Teil meines Alltags zu machen.

Obwohl ich Winter am gemütlichsten finde, gibt es verschiedene Formen von Hygge für verschiedene Jahreszeiten. Im Frühling gehen wir gern entlang Akerselva in Oslo und essen Waffeln in Hønse-Lovisas hus.  Und ein paar Monate später sitzen wir in Schlafsäcken auf der Terrasse und genießen den norwegischen Sommer. Im Herbst kann man nach Ullevålseter gehen, wobei das das ganze Jahr eine gute Idee ist.

Aber warum gilt Hygge als etwas typisch Skandinavisches? Ist Hygge eine unsichtbare Güte des fantastischen Wolhfahrtstaates? Existiert Hygge in allen Kulturen, haben wir  nur unterschiedliche Worte dafür? Lernen wir Hygge? Ist es arrogant von Skandinaviern dem Rest der Welt „Hygge“ zu propagieren, wenn eine gewisse materielle Grundlage dafür eine Bedingung ist?

Eine schnelle Suche auf Pinterest, gibt mir nicht nur einen Eindruck, was andere von Hygge halten, sondern auch von skandinavischer Mentalität im Allgemeinen. Neben Tassen von Kakao und Feuerkaminen stehen Regeln wie „keine Politik besprechen!“ und „keine Prahlerei!“ Das lässt mich glauben, unsere Hygge entsteht in einem engen Zusammenspiel des ausgebauten Wohlfahrtsstaates, der uns Ruhe und Sorglosigkeit erlaubt, und unserer ziemlich strengen, konformen Kultur.

Aber darüber möchte ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen, lieber ein gutes Buch lesen oder Netflix schauen. Und inzwischen warte ich auf dem nächsten skandinavischen Hype: Friluftsliv

 

Kaja Boye Buxrud, Norwegisch-Lehrerin am Sprachenzentrum

Quellen:

ordbok.uib.no/perl/ordbok.cgi

forskning.no/sprak-spor-en-forsker-kultur/spor-en-forsker-er-vi-besatt-av-a-kose-oss/292852

afroginthefjord.com/2014/02/02/how-to-make-things-koselig/

Foto von Namdalsavisa.no