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Vom Sagen zum Rufen

Sagen, sprechen oder rufen?

Wie sagen wir?

Wann verwenden wir was?

Im 4. Teil der Blogserie "Von Pferden, die auf Zehenspitzen zu Apfelbäumen tänzeln" klärt Eva Mühlbacher darüber auf.

Podcast

verfasst und vorgelesen von:

Eva Mühlbacher

Beginnen wir mit „sagen“. „Sagen“ meint, dass ich kurz etwas äußere. Ich kann beispielsweise meinen Namen sagen. Meist geht diesem „Sagen“ eine Frage voraus: „Er hat mich etwas gefragt und ich sage es ihm.“ Ein Synonym für dieses Sagen wäre „antworten“. „Sagen“ kann mit verschiedenen Präfixen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Wenn ich etwas „ansage“, dann könnte es sein, dass ich Kindern ein Diktat sage und sie müssen es aufschreiben. „Sag mir die Telefonnummer an“ meint aber auch, dass ich jemandem etwas vorlese. Schließlich kann ein Moderator einen Star ansagen, bevor sie die Bühne betritt. Dann hat „sagen“ dieselbe Bedeutung wie „ankündigen“. Nur auf die erste Bedeutung bezieht sich „vorsagen“: „Ich sage dem Kind etwas vor und das spricht es mir nach.“ Einen Star kann ich nicht „vorsagen“. Aber ich kann etwas „vorhersagen“. Das bedeutet, dass ich etwas prophezeie. Der dazu passende Beruf ist der des „Wahrsagers“. Der englische Ausdruck bezieht hier das Schicksal mit ein: „fortune-teller“. Im Deutschen ist impliziert, dass es sich um „das Wahre“ handelt. Wenn es kein Geheimnis sein soll, kann ich es „weitersagen“, also die Information an eine andere Person weitergeben. Und wenn ich von einer Person zu einer Party eingeladen wurde, meine Wahrsagerin aber findet, das ist keine gute Idee, muss ich der Person „absagen“. Dann schreibe ich eine Nachricht mit: „Ich muss dir für heute leider absagen.“

Ich kann dem Partyveranstalter aber auch telefonisch absagen: ich rufe ihn an. „Anrufen“ heißt, ich nehme das Telefon in die Hand, wähle die Nummer und habe dann die Person am anderen Ende der Leitung. Wenn ich „aufgerufen werde“, dann sitze ich im Wartezimmer des Arztes und mein Name wird vorgelesen. Auch bei einem Casting oder einer Prüfung – wann immer mein Name von jemandem in einer offiziellen Situation vorgelesen wird und ich dann eine Aktion setzen muss, werde ich „aufgerufen“. Ganz offiziell wird es, wenn etwas „ausgerufen“ wird. Dann ist es das Synonym für „verkünden“, die Geburt eines Thronfolgers beispielsweise. „Ausgerufen“ kann man aber auch werden, wenn man sein Kind in einem Shoppingcenter verliert und eine freundliche Stimme aus dem Lautsprecher dann verkündet, wo man es wieder abholen kann.

Der neutralste Begriff der drei Wörter ist „sprechen“. Ich kann über alles und mit jedem sprechen. Das Wort „sprechen“ gibt noch keine Emotion an. Es bedeutet zunächst einmal nur „reden“. „Sprechen“ dauert länger an als „sagen“. „Ich spreche über etwas“ heißt, dass ich mir länger Zeit nehme als wenn ich bloß „meinen Namen sage“.

In einem Meeting „bespreche“ ich etwas mit dem Team. Ich kann ein Problem „ansprechen“, aber auch eine Person. Wenn ich ein „Problem anspreche“, sage ich: „Wir müssen die Umsätze dieser Filiale steigern.“ Das heißt, ich spreche über etwas, das eine Lösung erfordert. Wenn ich weiß, wer mir damit helfen kann, kann ich eine Person „ansprechen“: „Michael, kannst du mir da helfen? Ich muss die Umsätze der Filiale steigern.“ Wenn ich an einem Kurs teilnehme, kann ich vom Leitenden auch angesprochen werden. Dann habe ich hoffentlich alles verstanden und kann ihm antworten. Mit „ansprechen“ ist aber auch gemeint, dass ich in einer Bar jemanden kennenlernen möchte. Gefällt mir der Mann an der Bar, kann ich ihn ansprechen.

Auch „aussprechen“ hat verschiedene Bedeutungen. Wieder kann ich ein „Problem aussprechen“, dann ist mir leichter und alle wissen, worum es geht. Ich kann „aussprechen, was sich alle denken“, dann tue ich den ersten Schritt (der in diesem Fall aber meist unangenehm ist). „Sich mit jemandem aussprechen“ heißt, ein Problem, das man mit einer Person hat, zu lösen.

Generell kann ich mit Personen „ein Gespräch führen“. „Ich führe ein ernstes Gespräch mit ihr“ bedeutet, dass es um etwas Wichtiges geht. Je nachdem, wer Recht hat, kann ich das Gespräch auch „beeinflussen“, „lenken“, „dominieren“, „herbeiführen“ und so weiter. „Ich bin in einem Gespräch“ bedeutet, dass ich gerade jetzt spreche. Das ist eine Redewendung, die wir häufig benutzen, weil wir das Partizip I im Deutschen wenig gebrauchen – anders als in den romanischen Sprachen, die noch eine Zeit für das kennen, was gerade jetzt passiert. „Im Gespräch sein“ kann aber auch bedeuten, dass die Leute über jemanden reden. Taylor Swift etwa ist immer wieder im Gespräch. Sie kann auch darauf achten, „im Gespräch zu bleiben“, beispielsweise, indem sie mit dem nächsten Typen ausgeht. Diese Art im Gespräch zu sein ist aber nicht immer etwas Gutes. Mir können Dinge „nachgesagt“ werden. Das bedeutet, dass Menschen etwas über mich sagen, was möglicherweise gar nicht wahr ist. „Man sagt ihr nach, dass sie gemein ist.“

Dann hat jemand „einen Ruf“: „Sie hat den Ruf, immer nach vier Monaten eine Beziehung zu beenden.“ Wenn Menschen Gutes über jemanden denken, dann hat diese Person „einen Ruf zu verlieren“. Dann wird sie also darauf achten, dass sie sich keinen Fehltritt erlaubt. Sobald ich aber sage: „Er hat den Ruf,....“ ist es auf jeden Fall negativ gemeint. „Er hat den Ruf, großartig zu sein“ passt nicht. Dann kann ich sagen: „Er hat einen guten Ruf“ und das gilt dann gleich für alles. Umgekehrt kann ich auch nicht sagen „Sie hat den Ruf zu verlieren, dass sie gemein ist.“ Einen „Ruf zu verlieren“ gilt nur, wenn man einen „guten Ruf“ hat. Und die Formulierung „einen Ruf haben“ bedeutet nur Negatives. Folglich kann ich auch „verrufen sein“, was bedeutet, „einen schlechten Ruf“ zu haben.

Dann wäre es Zeit, jemanden anzurufen und sich auszusprechen.


Eva Mühlbacher

Geschichte-Doktorandin und Jungautorin

Eva hat am Sprachenzentrum Italienisch gelernt und während eines Italienaufenthaltes angefangen, ein Buch zu schreiben. Ihre große Leidenschaft gilt - neben dem Schreiben - dem Mixen von Bahama Mama-Cocktails.

 

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Kleines Lexikon

sagen

sagte, gesagt

„Ich sage etwas

.... zu dir/zu einem Thema.“ (mit Dativ)

.... über dich/über ein Thema.“ (mit Akkusativ)

vorsagen/absagen/

ansagen/vorhersagen

sagte vor/ab/an/vorher

vorgesagt, abgesagt,....

„Du hast ihr abgesagt.“ – mit dem Dativ!

„Du hast ihr etwas angesagt.“ – Akkusativ- (Sache) und Dativobjekt (Person) auch so: „Du hast ihr etwas vorhergesagt.“

nachsagen

sagte nach, nachgesagt

„Ihr wird etwas nachgesagt.“ – Gebrauch mit Passiv!; kann mit „von“ und einer Person ergänzt werden: „Ihr wird von mir etwas nachgesagt.“

sprechen

sprach, gesprochen

„Ich spreche

.... von dir/von etwas.“ (Dativ)

.... über dich/über etwas.“ (Akk.)

.... mit dir.“ (Dativ)

.... vor einem Publikum (eine Rede halten).“

... nach jemand anderem.“

besprechen

besprach, besprochen

„Ich bespreche das Problem mit dir.“ (Akk., Person: „mit“ und Dativ)

ansprechen

sprach an, angesprochen

„Ich spreche das Problem an.“

„Ich spreche dich an.“ (immer mit Akkusativ)

aussprechen

sprach aus, ausgesprochen

„Ich spreche einen Gedanken aus.“ (Akk.)

rufen

rief, gerufen

„Ich rufe

... dich.“ (Akkusativ)

... nach dir.“ (Dativ) – Bedeutung ist dieselbe.

anrufen/aufrufen

rief an/auf, angerufen, aufgerufen

„Der Arzt ruft dich auf.“

„Ich rufe dich an.“ (beides Akkusativ)