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Omg, schon wieder Prüfung!

Stress! Keine Zeit, morgen ist Prüfung. Wie soll ich das alles schaffen?

Die Nervosität ist groß und am liebsten hätte ich es bereits hinter mir.


Wird alles funktionieren? Wird es nicht zu schwer, auch nicht zu leicht? Habe ich keine Fehler gemacht? Werden sich meine Kursteilnehmer/innen auskennen?

Ja, meine Kursteilnehmer/innen … ich bin die Lehrerin und ich bin auch nervös.

Warum? Ganz einfach, weil es ganz schön schwierig ist, eine Prüfung zusammenzustellen.

Wir wissen, wie schwierig es ist, Prüfungen zu schreiben und wie unangenehm Prüfungssituationen sind. Wie nervös, ja sogar ängstlich wir manchmal sind. Doch fragen wir uns auch, wie die Situation für die Prüfer/innen ist? Nein, ich habe mir die Frage noch nie gestellt, wenn ich geprüft wurde. Ich wollte immer nur durchkommen und im Idealfall gute Noten haben. Was der Lehrer oder die Lehrerin dabei durchmacht, war mir egal. Sie sind doch die Bösen.

Diese Sichtweise hat sich geändert, seit ich selbst auf der Seite der "Bösen" stehe und prüfen muss.

 „Ich dachte, bei dir wäre die Prüfung schwerer.“

Mir ist nun klar, dass es nicht zu leicht sein darf. Die Teilnehmer/innen wollen gefordert werden.

In jedem Kurs sitzen rund 16 unterschiedliche Personen, mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Die Prüfung muss es schaffen, diese abzubilden.

Nicht zu vergessen, so eine Prüfung ist auch eine Prüfung für mich. 16 Prüflinge heißt, dass ich 16x Feedback auf meinen Unterricht bekomme und 16x korrekt und fair Punkte vergeben muss.

Hier verrate ich euch, warum Prüfungen auch stressig für Lehrer/innen sind. Außerdem verrate ich euch ein paar Tricks, wie ihr bei den einzelnen Prüfungsteilen besser punkten könnt.

 

⇒ Hören


Hören ist in vielen Fällen der erste Teil der Prüfung. Ganz einfach deshalb, weil die Lehrerin es hinter sich haben möchte ;) Dieser Teil bereitet mir den größten Stress in der Vorbereitung und die höchste Nervosität beim Abspielen.

Lehrer sind (meist) keine Techniker, das ist klar. Wenn dann auch noch 16 nervöse Augenpaare auf dich gerichtet sind, ist der Druck groß. Und diese aufgeregte Stimmung wirkt sich meist auch auf die Geräte aus. Genau in diesem Moment, entscheiden sich PC, CD-Player oder Lautsprecher einfach, nicht zu funktionieren. Wenn das Technische doch klappt, muss noch die richtige Sequenz abgespielt werden. Peinlich, wenn die Lehrerin die falsche Datei abspielt und es nicht mal merkt. Leider schon passiert!

Für die Prüflinge kommen beim Hören viele Dinge zusammen: Lesen, Zuhören und Ankreuzen oder gar Schreiben. Und in Wirklichkeit machen wir diese Hörübung am Anfang, weil da die Konzentration noch am größten ist. Glücklicherweise merken die Getesteten dann auch recht schnell, wenn die falsche Audiodatei abgespielt wird ;)

Zu Beginn des Tests ist allerdings auch die Nervosität hoch. Daher gibt es immer ein wenig Zeit, um sich die Angaben zu den Hörtexten durchzulesen. Und auch bei den Hörsequenzen selbst, habt ihr normalerweise eine Möglichkeit zum Verschnaufen. Die Antwort auf die erste Frage kommt nicht gleich im ersten Satz! Ihr habt natürlich Zeit, euch kurz einzuhören.

In vielen Fällen gibt es beim Hören auch „offene Antwortmöglichkeiten“, sprich Schreibaufgaben. Bei solchen Aufgaben hört ihr den Text immer zwei Mal. Macht euch im ersten Durchgang Stichworte und schreibt nach dem 2. Hören eure Antworten.

Denkt daran: Hier zählt in erster Linie das Verständnis. Rechtschreibfehler oder Grammatikfehler, die das Verständnis nicht stören, werden nicht gewertet! Das heißt: Macht euch darüber nicht zu viele Gedanken, das kostet nur Zeit.

 

⇒ Lesen


Nachdem das mit der Technik vorbei ist, kann sich der/die Prüfende meist entspannen. Der Leseteil ist aber in der Vorbereitung gar nicht so einfach. Bei der Erstellung der Aufgaben und den teils falschen Antwortmöglichkeiten ist hohe Kreativität gefragt.

Wir Lehrenden spielen hier häufig mit Doppeldeutigkeiten oder Paraphrasierungen. Das heißt, dass ihr die gleichen Wörter im Text wie in der Antwortmöglichkeit findet. Häufig findet ihr so die passende Textpassage, aber lasst euch nicht auf die falsche Fährte bringen! Das Ziel von Leseaufgaben ist nicht, die gleichen Worte wiederzuerkennen.

Es geht um die Aussagen der Sätze. Diese sind häufig in den - richtigen - Antwortmöglichkeiten mit anderen Worten wiedergegeben. Die - falschen - Antwortmöglichkeiten spiegeln oft das Gegenteil von dem wider was im Text steht oder sie behaupten etwas, das gar nicht erwähnt wurde. Wenn wir es aus dem Text nicht wissen, ist es falsch.  

Auch hier gilt bei offenen Antworten dasselbe wie beim Teil „Hören“: Wortwahl, Rechtschreibung und Grammatik werden nicht bewertet. Die Verständlichkeit eurer Antworten ist entscheidend!

 

⇒ Schreiben


Der Teil „Schreiben“ ist für mich als Lehrerin in der Vorbereitung und Testphase meist der einfachste. Die große Herausforderung bringt die Auswertung mit sich. Und meine Lieben, hier habe ich mir schon nächtelang die Haare gerauft!

Meine größte Sorge ist die Schrift. Kann ich die „Krake“ (ja manche schreiben einfach furchterregend) lesen oder nicht? Vom Zeitpunkt der Beurteilung bis zur Notenvergabe kann ich nicht bei den Verfasser/innen nachfragen. Ich muss es alleine lesen können. Im Zweifelsfall kann ich unleserliche Textpassagen nicht beurteilen. Das ist natürlich schlecht, denn dadurch können Punkte verloren gehen. Daher meine erste große Bitte: Schreibt leserlich!

Ein Test ist kein Schönschreibwettbewerb. In der Eile muss man einfach auch mal etwas „hinfetzen“, das ist klar. Doch denkt daran, dass ein schön geschriebener Text sofort einen besseren Eindruck erweckt.

Abgesehen davon, ist die Form von Texten ein wichtiges Beurteilungskriterium. Wenn ihr die Angabe genau lest und der vorgeschlagenen Struktur folgt, sammelt ihr bereits kostbare Punkte. Dazu gehört auch, dass der Text nicht zu lang oder zu kurz sein darf. (Plus/minus 10% der angegebenen Wortanzahl wirken sich nicht negativ auf die Punkte aus.)

Sollte keine Struktur in der Angabe stehen, folgt einfach dem klassischen Muster:
Einleitung, Hauptteil, Schluss.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Am Sprachenzentrum sollte der Teil „Schreiben“ zu rund 50% aus Grammatik und 50% freier Textproduktion bestehen.
Denkt daran schon bei der Vorbereitung. Schaut euch die Grammatik, die ihr im Kurs gelernt habt, an. Diese wird in der Prüfung sicher getestet, auch in rezeptiver Form beim Lesen und möglicherweise beim Hören!

Die erlernten Grammatikstrukturen sollen auch im Text verwendet werden! Achtung, wenn ihr das nicht tut, kann das zu Punkteabzug führen. Wenn es hingegen nicht 100%ig klappt, sich also ein Fehler einschleicht, ist das normalerweise nicht so schlimm.

 

⇒ Sprechen


Für mich als Lehrerin ist das der Horrorteil schlechthin. Für viele Teilnehmer/innen leider auch, obwohl sie sich hier eigentlich entspannen sollten.

Aus meiner Sicht ist das der schwierigste Teil für die Beurteilung und beim Zuhören ist höchste Konzentration gefragt, egal, ob ich die Prüfung aufnehme oder nicht.

Ich rate meinen Prüflingen in der Regel: Nicht zu viel denken, einfach sprechen.
Einmal habe ich scherzhalber vorgeschlagen, dass sie sich während der Wartezeit ja einen Punsch genehmigen könnten. Sie nahmen den Vorschlag etwas zu ernst - und nahmen die Prüfung dann zu locker. Daher ist heute meine größte Sorge, dass jemand „beschwipst“ zur Prüfung kommt.

Für mich ist es wichtig, dass mir meine Teilnehmer/innen bei der mündlichen Prüfung „Stoff“ zur Beurteilung geben. Wenn jemand nichts oder nur wenig sagt, um ja nichts Falsches zu sagen, habe ich auch bei perfekten Sätzen ein Problem. Dann kann ich die Person unter Umständen nicht positiv beurteilen. Wichtig ist, wie immer, die Aufgabe zu erfüllen. Bleibt beim Thema und achtet darauf, was das Ziel der Konversation ist!

Wenn das Ziel erreicht ist, ist das „Wie“ eine sekundäre Frage. Das heißt: Fehler sind nicht schlimm. Die passieren beim Sprechen und sind ganz natürlich – auch bei Muttersprachlern.

(Lest dazu auch meinen Blogeintrag: Angst vor Fehlern beim Sprechen - 4 gute Nachrichten)

Wenn ihr Fehler bemerkt und euch selbst korrigiert, ist das wunderbar. Doch haltet euch nicht damit auf und lasst euch von (möglichen) Fehlern nicht aus dem Konzept bringen.

Beim Sprechen ist am allerwichtigsten, dass euer Gesprächspartner (und der/die Prüfer/in) versteht, was ihr sagen wollt. Wenn ihr hier neu erlernte Strukturen (Wortschatz und Grammatik) einbaut, ist das toll. Hier gilt: Risiko eingehen, bringt Punkte – auch wenn die Aussage nicht super korrekt war.

Und eines noch zum Schluss:

Eure Lehrer/innen kennen euch und können erkennen, ob ihr bei der Prüfung einfach Angst oder einen schlechten Tag hattet. Daher, keine Sorge, auch die Betrunkenen sind - ausnahmsweise - nicht durchgefallen. Ich kannte sie ja schon und wusste, dass sie es besser können!


Verena Ngantchun, Deutschlehrerin am Sprachenzentrum